Die Schiltacher Flößer als „Bach-Archäologen“ Setember 2014

Die Schiltacher Flößer als „Bach-Archäologen“
Von Hans Harter

Mit schwerem Gerät wird derzeit an einigen Stellen das Bachbett der Schiltach aufgerissen, eine Maßnahme, die auf Informationstafeln als „Beseitigung von Wanderungshindernissen für Fische“ erklärt wird. Die 1 Million € teuren Eingriffe und Einbauten, die aufgrund einer Richtlinie der Europäischen Union vom Land Baden-Württemberg durchgeführt werden, betreffen vor allem die quer im Bach liegenden historischen Wehre. Sie können von Fischen wie Lachs, Bachforelle oder Flussbarsch auf ihrer Suche nach günstigen Laichplätzen nicht überwunden werden, auch nicht von ihren Nährtierchen und anderen Kleinlebewesen. Gewässerschutz und Verbesserung der ökologischen Situation für die Flussbewohner sind das Ziel, das jedoch mit einem anderen kollidiert: der Erhaltung der von Menschenhand geschaffenen Wasserbauten, die bis in die Neuzeit die Nutzung der Schiltach als Energielieferant für Mühlen, Sägen, Fabriken und die Flößerei ermöglichten. Für das Wirtschaften mit und auf dem Bach bestand hier ein ganzes System von Wehren, das auch technikgeschichtlich bedeutsam war, so dass es vor einigen Jahren als „Sachgesamtheit Flößerei“ unter Denkmalschutz gestellt wurde. Mit den ökologischen Maßnahmen im Widerspruch, wurden den Anlagen jetzt ihre Eigenschaft als Kulturdenkmale genommen, zumal sie – ruinös und funktionslos – allein noch historische Bedeutung hatten. Gerade sie reizte jedoch den Schiltacher Flößerverein, der sich auch um Geschichte und Relikte der „alten“ Flößerei kümmert: Er sah hier die Chance, der Funktion und dem Alter der Wasserbauten auf die Spur zu kommen. In Zusammenarbeit mit dem Wasserwirtschaftsamt Offenburg begleitet er derzeit die Maßnahmen, birgt und dokumentiert die herausgerissenen Balken und Eisenteile und führt sie ihrer wissenschaftlichen Bearbeitung zu. Wichtig ist vor allem die Altersbestimmung mittels Jahresringzählung, wofür Holzproben entnommen und zur Untersuchung an Speziallabors gegeben werden.Dafür gibt es schon erste Ergebnisse: Die Hölzer, die vom „Rappenweiher“, der einstigen Schramberger Floßeinbindestätte, stammen, sind älter als die Nachrichten über die dort seit der Mitte des 19. Jahrhunderts intensiv betriebene Flößerei und stammen aus den Jahren 1830 und 1712. Bei den gleichfalls dort geborgenen Steintrommeln, die in Zweitverwendung als Fundamente in das Wehr eingebaut waren, stehen sogar die Fachleute vor einem Rätsel. Am besten erhalten war das „Korndörferwehr“ an der Keßlerhalde, zugleich letzte Erinnerung an die 1890 von Hermann Korndörfer auf der Struthwiese erbaute Tuchfabrik. Mit einem 1,80 m hohen Absturz staute es den Fluss, von dem das Wasser in einem Kanal ins Turbinenhaus und in die Fabrik geführt wurde, wo es für die Energiegewinnung und Tuchherstellung benötigt wurde. So war dieses Wehr ein Beispiel dafür, wie die Lage Schiltachs an zwei Flüssen seine wirtschaftliche Entwicklung bestimmte: Gewerbe konnten sich ansiedeln, die Landwirtschaft profitieren. Dies waren auch die Ursprünge des „Korndörferwehrs“, das zuvor der Wässerung der sich rechts der Schiltach erstreckenden Struthwiese diente. Auch die links gelegene Schwaigwiese besaß eine Bewässerung, deren Reste gleichfalls beseitigt wurden. Es wird sich zeigen, wie alt ihre Wuhrbalken und Streckbäume sind, die die einstigen Wehrbauer zu den handwerklich kunstvollen Wasserbauten zusammenfügten. Als solche sind sie nun verloren, aber nicht sang- und klanglos, sondern gut dokumentiert, der Erforschung zugeführt und in ihrer Bedeutung gewürdigt.

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