Flößer Kasimir 09.2020

„Ha, wie die s‘Wasser nutze, un alle Deifel trutze.“ – Der Wolfacher Flößerobmann „Kasimir“
1885 kam der Maler Wilhelm Hasemann ins obere Kinzigtal, wo der Bahnbau vor der Vollendung stand. Er suchte Motive zur Illustration dieser „kühnen Gebirgsbahn“, die die Zeitschrift „Über Land und Meer“ bestellt hatte. So entstand die Collage „Schwarzwälder Typen“, mit Menschen, denen man hier begegnen konnte: Trachtenträger, Waldhauer und Flößer, einer mit Axt und Wieden – ein Prachtexemplar, im dunklen Tann fast zum Fürchten.

Von Hans Harter

Dafür, dass Hasemann diesen Bilderbuch-Flößer nicht phantasievoll erfand, sondern „nach der Natur“ malte, gibt es einen Bürgen: den Wolfacher Glasmaler Georg Straub (1882-1952). Er hat ihn ebenfalls gezeichnet, als „Obmann Kasimir“, wie wenn er ihn gekannt hätte. Dies war auch so: Straub wuchs im Wolfacher Ochsen auf, wo noch die alten Flößer einkehrten, so „der lange Ulrich, ein Hünenmensch von Schiltach“ und eben auch der „Flößer-Kasimir“.

Woher dieser stammte und wie er mit Nachnamen hieß, überliefert Straub nicht, doch wusste er noch Bruchstücke aus seinem Leben. So habe Kasimir „als Obmann zweimal eine ganze Flößerkompanie in ferne Lande geführt, um Wehre anzulegen und zu flößen“. Damit meinte er die Migration Kinzig- und Wolftäler Flößer in den 1870er-Jahren nach Ungarn, um „aus Siebenbürger Schwaben und braunen Magyaren Wellenreiter im Stile der Kinzigtalflößer zu machen“. Als 1873 die Cholera ausbrach, flüchteten sie mit Rum-Rationen in die Wälder der Karpaten, aber auch, als einige von ihnen der Epidemie erlagen, zurück in die Heimat.

Auf dem legendären Wolfacher „langen Floß“ war Kasimir der Obmann. Seine Tochter, die im Floßhafen die Floßmanifeste aufstellte, gab die Länge mit 750 m an. Als der Dammmeister das sah, soll er ironisch gefragt haben, ob das Floß „vorne oder hinten zu lang“ sei, und es erst nach langen Debatten freigegeben haben. Einmal lud Kasimir seine Töchter zu einer Floßfahrt nach Offenburg ein. Für sie Anlass, nagelneue Florentinerhüte aufzusetzen, die dann unter einer niedrigen Brücke so in Mitleidenschaft gezogen wurden, dass die jungen Damen in „der Metropole Badens“ keinen „besonderen Eindruck von Noblesse mehr machten“.

1897 traf Kasimir wieder auf Hasemann, der die „Waldleute“, das neue Buch von Heinrich Hansjakob, illustrieren sollte. Er stellte eine Männergruppe als „Flößer auf dem Heimweg“ zusammen, schwer beladen mit ihren Utensilien, um sie zu fotografieren und zu zeichnen. Dabei waren Kasimir und sein Schwiegersohn, der „Herrengärtner“ Josef Fuchsschwanz. Auf den Fotos sieht man Kasimir ganz rechts, mit Pfeife, Floßstange und Bohrer.

Nachforschungen haben ergeben, dass Kasimir am 4. März 1828 im Rankach in Oberwolfach unehelich geboren wurde und seinen seltenen Vornamen dem Tagesheiligen Kasimir von Litauen verdankte. Sein Vater bekannte sich zu ihm, sodass er mit Nachnamen Hacker hieß. Aus ihm wurde ein Taglöhner und Flößer. Mit Hedwig Borho aus Oberwolfach hatte er fünf Kinder. Seit 1859 lebten sie in Wolfach, in prekären Verhältnissen, wohl Ursache für ihre späte Heirat und seine zweimalige Arbeitsmigration ins ferne Siebenbürgen.

Georg Straub erlebte auch, wie Kasimir, „als alter Mann gerne seine mit Humor gewürzten Flößergeschichten aus jenen Zeiten erzählte. Vom Fenster aus sah er täglich die floßleere Kinzig und wußte als Naturmensch aus Wasser und Wolken das kommende Wetter vorauszusagen. Damit aber die Kinzig nicht ganz ohne Floß sei, baute er seinen Enkelkindern ein Gestör und führte sie in sein nasses Element“, womit er der Erfinder der Wolfacher „Bubenflöße“ war. Kasimir verstarb im Februar 1908, achtzigjährig.

An ihn und die alten Wolfacher Flößer erinnern die Zeichnung und die Fotos von Hasemann, aber auch die Berichte Georg Straubs samt einiger poesievoller Verse: „D‘r Ob‘ma, der hot kommandiert, un jeder Flözer hot sich g‘rührt… D‘r Ob‘ma rief: ‚Schlaget ab‘, no isch d‘r Schperrbengel nab… Ha, wie die s‘Wasser nutze, un alle Deifel trutze!“

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