Internationales Flößertreffen in Lettland

Beim Internationalen Flößertreffen in Lettland: „Schiltach people“ – europaweit. Von Hans Harter

Das Wort war bald gelernt: „Pils“ bedeutete nicht das erwartete Getränk, sondern „Burg“, während das Wort zum Löschen des Flößerdursts „Alus“ hieß. Anlass für das Sprachspiel war das Internationale Flößertreffen 2014. Es führte die Schiltacher Flößer nach Lettland, wo sie die europäischen Flüsse, die sie schon befuhren, um die Gauja vermehren konnten. Der 452 km lange, viel besungene Fluß durchströmt das kleine baltische Land, um nördlich von Riga in die Ostsee zu münden. Die heutige Haupt- und einstige Hansestadt war schon im Mittelalter ein Holzhandelsplatz, wobei es Flößerei auf der Gauja wohl schon damals gab. Im 19. Jahrhundert kamen im Jahr über 200 große, mit Rudern gesteuerte Langholzflöße den Fluss herab. Auf ihnen standen Holzhütten, in denen die Besatzungen während der Fahrt hausten. Als 1903 ein Kanal nach Riga gebaut war, kam die Triftflößerei dazu. Noch 1960 versorgte sie Sägewerke und Fabriken mit jährlich 100.000 Festmeter Holz. Die Triften waren transporttechnische Großunternehmen, die den Fluss kilometerlang „hölzern“ machten und vielen Menschen, die das „Holztreiben“ überwachten, Arbeit gab. Ein damaliger Flößer vermittelte seine Kenntnisse jungen Enthusiasten, die sich zum „Verein der Gauja-Flößer“ zusammenfanden. Sie organisierten das Treffen der Internationalen Flößervereinigung, der auch der Flößerverein Schiltach angehört. Seine stattliche Delegation erlebte ein Wiedersehen mit Freunden aus allen Ländern und ein vielseitiges Programm, dessen Höhepunkte die Floßfahrten auf der Gauja waren. Dabei durfte der träge fließende, doppelt mannstiefe Fluß nicht unterschätzt werden: Von den Steilufern ragten immer wieder abgerutschte oder durch Biber umgestürzte Bäume als gefährliche Hindernisse ins Wasser, ebenso stellten Sandbänke und Brückenpfeiler die Besatzungen auf die Probe. Natürlich kam des Kennenlernen des Landes nicht zu kurz, bei Fahrten durch endlose Kiefern- und Birkenwälder wie beim geselligen Lagerfeuer und lettischer Folklore. Da wagte mancher Flößer ein Tänzchen oder freute sich mit einer 100jährigen Lettin in feiner Tracht. Freundschaftliche Heiterkeit und gelöste Stimmung herrschten auch beim Umzug der Vereine aus Spanien, Frankreich, Italien, Slowenien, Bosnien-Herzegowina, Österreich, Tschechien, Deutschland, Polen und Finnland: Voraus eine Kapelle, blumenbekränzte Mädchen und applaudierende Menschen, die das Spektakel genossen, wie auch die zurückwinkenden Flößer und die Tracht tragenden Flößerfrauen. Dabei müssen die Schiltacher gehörigen Eindruck gemacht haben, unterschied ihre Betreuerin doch zwischen „French people“, „Finnish people“, „Austrian people“ und „Schiltach people“: Die Schiltacher zwar nicht „worldwide“, aber doch europaweit! Das Flößertreffen ist auch der Ort, wo es um gemeinsame Ziele und Regularien geht: Ein kleines Parlament, in dem vielsprachig argumentiert und gedolmetscht wird. Angesichts der aktuellen Europa-Wahlen ein
„Miniatur-Europa“, das dem großen gleicht und auf seine Weise zu ihm führt, durch kulturellen Austausch und Freundschaft auf dem lange verfeindeten Kontinent. Davon war in Lettland noch immer etwas zu spüren: Inmitten des aufstrebenden, jungen EU-Landes lebt unübersehbar eine russische Minderheit, die ärmlich und am Rand stehend wirkt. Daneben die Angst, vor allem der Älteren, angesichts der Ukraine-Krise, die die Zeiten wachruft, als ihr Volk Spielball seiner mächtigen Nachbarn war. Sie sprechen von der „Okkupation“, die von 1940 bis 1991 dauerte und nie mehr zurückkehren soll.

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